Mirko Bonné

Zum Tag des inhaftierten Schriftstellers 2018


Oleg Sentsov

Der ukrainische Schriftsteller und Filmemacher Oleg Sentsov wurde wegen angeblichem Terrorismus in einem unfairen Prozess von einem russischen Militärgericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Sentsov sagte dabei aus, dass ihm Folter angedroht worden sei. Derzeit befindet er sich in einer sibirischen Strafkolonie für Schwerkriminelle in Labytnangi, tausende Kilometer entfernt von seiner Heimat auf der Krim. Zuletzt verbrachte er 145 Tage im Hungerstreik und forderte die Freilassung aller in Russland inhaftierten ukrainischen Häftlinge aus politisch motivierten Gründen. Er beendete seinen Streik am 6. Oktober 2018, da er befürchtete, zwangsernährt zu werden. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Sentsov den mit 50.000 Euro dotierten Sacharow-Menschenrechtspreis erhält. Die Preisverleihung ist am 12. Dezember in Straßburg geplant, doch dass Russland den Autor dazu ausreisen lässt, ist unwahrscheinlich.
Sentsov wurde im Mai 2014 von den russischen Sicherheitsdiensten auf der Krim festgenommen. Seinen Aussagen zufolge wurde er drei Stunden lang körperlich misshandelt, geschlagen und sexuell missbraucht. Er wurde nach Russland gebracht, wo er über ein Jahr in Untersuchungshaft verbringen musste. Im August 2015 wurde er nach einem äußerst unfairen Verfahren vor einem russischen Militärgericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Ihm wurde ein Antrag auf Auslieferung in die Ukraine mit der Begründung verweigert, dass er nach der Besetzung und Annexion der Krim durch Russland zu einem russischen Staatsbürger geworden sei.
Der internationale PEN geht davon aus, dass Oleg Sentsov für seinen Widerstand gegen die russische Annexion der Krim inhaftiert wurde, und fordert die russischen Behörden auf, den Autor und Filmemacher unverzüglich freizulassen, seine Menschenrechte, einschließlich des Verbots von Folter und anderen Misshandlungen, und sein Recht auf ärztliche Behandlung zu respektieren.

15. November 2018 11:52










Christian Lorenz Müller

INDIANISCHER KLAGEGESANG AUF EIN GEKLAUTES FAHRRAD

Wirf den dreisten Räuber ab,
wirf ihn ab und komm zu mir zurück.
Dann striegle ich mit dem Poliertuch
Glanz in deinen blauen Lack,
dann fliegt die wilde Mähne Freiheit
mir wieder ins Gesicht.

Die Sonne schnaubte
auf deinen Alunüstern
wenn ich mit dir durch Stadtprärien stob,
mit galoppierenden Pedalen
Herden von Terminen jagte.

Komm zurück,
bring mir die beiden Köcher,
die voller Speichen sind,
und meine Beine spannen sich erneut
zu Bogensehnen:
Dann macht Erwartung
deine Reflektorenaugen rot,
dann höre ich
das aufgeregte Kriegsgeschrei
der Klingel, dann kämpfen wir gemeinsam
gegen Blechkomantschen
und bringen reiche Kilometerbeute ein.

Nein, du kommst nicht zurück.
Ewige Jagdgründe
nehmen dich nun auf,
Jagdgründe der Erinnerung.

12. November 2018 12:05










Björn Kiehne

Heute Morgen am Fenster

Schön diese Zeit bevor die Stadt aufwacht,
die Sterne verabschieden sich am Himmel,
das Licht legt nicht alles offen,
man sieht noch nicht zu viel.

Auf dem Turm der alten Schule gegenüber,
zieht ein Adler den Kopf aus dem Gefieder,
blickt über die schlafenden Straßen, zögert.

Die Luft riecht nach brennenden Büchern…
Am Rand der Stadt, dort wo die letzten
Häuser sich verlieren, lodert der Wald.

Adler, breite weit deine Flügel aus,
flieg mit mir über die stillen Lande,
bring mich früh genug hier raus.

9. November 2018 07:52










Konstantin Ames

Performativer Stempel aufm Literaturfondskuvert

Den Kreislau
aus Armut ur
Behinderunc
durchbreche

8. November 2018 16:35










Tobias Schoofs

BAIXA

3. November 2018 00:24










Mirko Bonné

Johannisbeeren

Am Ende der Wiese, bei der kleinen Wasserstation,
stehen Männer im Blaumann, frühmorgens schon.
Sie haben einen Auftrag, wie Bauarbeiter immer.

Ein leichter Holzkohlegeruch weht in dein Zimmer.
Du stehst am Fenster, blickst verwundert hinaus.
Vor der Weite der Felder das letzte ist euer Haus …

So kannst du gut sehen, dass dort noch einer steht.
Er ist groß und trägt Schwarz, hat so ein Atemgerät
am Gürtel, aus dem Wasserdampf steigt, hat Flügel,

drei Paar, sechs dunkle Schwingen, fast wie Bügel,
die zittern und kurz schlagen, sobald jemand spricht.
Welches Gesicht er dabei macht, erkennt man nicht.

Da sind in den überall roten Johannisbeerbüschen
Kinder, die Fangen spielen, nur ständig entwischen.
Keiner fängt jemanden, und niemand wird gefangen.

Schon kommen sie gekrochen, die kleinen Schlangen.
Und die Bauarbeiter lachen hell am Ende der Wiese,
weil jede schwierigere Aufgabe sein sollte wie diese.

Einer isst von den Beeren. Er wirft den anderen zu.
Gleich folgt die Pointe, die gute Moral. Meinst du?
Nichts da. Die am Leben sind – alle Gespenster –,

müssen warten, wie du, versteckt dort am Fenster.
Sie graben die Büsche aus, sie löschen alles Rot.
Und aus dem Gras zu dir hinauf blinzelt der Tod.

*

26. Oktober 2018 15:26










Christian Lorenz Müller

DRUNTER DER HÄCKSLER (HERBSTFARBEN IN HAIKU)

Auf Pflastermörsern
zerstoßen Sohlen das Rot
der Buchenbäume.

Die Kehrmaschine
bürstet das Blattgold gegen
die Mittelstriche

und der Besen des
Hausmeisters aquarelliert
zwischen den Wohnblocks.

Unüberhörbar
im Park: Laubbläserbatik
aus dem Gartenamt.

Ein starker Herbststurm
als Action-Painting. Regen
verwäscht die Farben.

Die Kratz- und Schabe-
technik der Rechen in den
Gärten der Nachbarn.

Das Eichhörnchen und
sein Schwanzpinselschlag über
der Farbpalette.

Abends der Krähen-
pointilismus in der aus-
gekahlten Eiche.

Später verfaulen
die Farben dann zu schwarzem
Suprematismus.

Ein Sprühstoß Ahorn-
rot bläht sich zum Luftballon.
Drunter der Häcksler.

Für Bernhard Lochmann

24. Oktober 2018 09:29










Gerald Koll

WakuWaku! (3/3)


*
Lauft los, sucht mit !

Reisehund in Berlin (Berurin no Ryokô-Inu).
Bild und Text: GUP-py.

19. Oktober 2018 12:37










Gerald Koll

WakuWaku! (2/3)

*

Reisehund in Berlin (Berurin no Ryokô-Inu). Band 12 der Reihe “werke: kunst und poesie”.
Herausgegeben von Gerhard Reinert und Hedda Wilms. Berlin 2018.
Bild und Text: GUP-py. (Lektorat: G.K.)

18. Oktober 2018 12:28










Christine Kappe

Reishunde in 渋谷区

Eis
2 liebe Mädchen
Keine Diskussion welche Sorte
Kein Gequängel
2 gleich kurze Hosen
Eine Künstlerin verteilt Diagnosen
„Aber ich brauch Kernseife
weißt du,
aus Knochen!“

Reishunde
Fliegende Füchse und -Hörnchen
Tiere mit riesigen Ohren
oder dicken Nasen
eine Mischung aus Hase und Regen

An einem anderen Stand gibt es Maschinengewehre
und Getränke in Glühbirnenform
mit blinkender Klemmtaschenlampe an gelocktem Strohhalm
Wandern wir im traumverändernden Canyon
kriege ich keine Luft mehr
schwimme ich nur
ist alles nur Kopfsache, so wie die nassen Haare

18. Oktober 2018 09:02










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