Christine Kappe

Sogno

Er will nach Deutschland, sagt er
„Bayrische Motorenwerke!“
zeigt uns einen Prospekt mit Motorrädern
die sich bei uns kaum jemand leisten kann
„Sogno?“
„Realta!“, beteuert er
Sein Chef beschimpft ihn und treibt ihn zur Arbeit an
Er aber schleicht sich immer wieder zurück an unseren Tisch

Nicht der Wind rüttelt am Fenster, sondern der Verkehr
Vorm Petersdom überfährt eine goldene Lok einen kriechenden Soldaten
Ein Hund bellt irgendwo
In den Geschäften stehen statt Kunden nur Angehöre herum
Ein Mädchen mit Gummistiefeln und kurzem Rock zum Beispiel
läuft an uns vorbei in die dunkle Gasse
Ein Mann mit Pistole
gibt uns zu verstehen, dass hier gleich geschossen wird
Und du
mit hochgekrempelten, weißen Hemdsärmeln
verschwindest koffertragend im labyrinthischen Gangsystem des düsteren Hotels und schaust dich nicht um

25. April 2019 09:11










Christian Lorenz Müller

EIN SCHREIBKRISEN-GESPRÄCH

Zantner: Mit meinem neuen Roman komme ich gut voran. Die beiden Kunsthistoriker kurven mit der gestohlenen Statue im Kofferraum durch Norditalien. Einmal übernachten sie unter freiem Himmel. Sie können erst einschlafen, als sie die Madonna vor ihr Zelt stellen.

Abel: Das hört sich regelrecht nach Urlaub an. Ich arbeite immer noch an diesem Gedichtzyklus – das heißt, im Moment arbeite ich nicht. Ich kann nicht arbeiten. Die Wörter zerfallen mir zu Silben, zu Buchstaben, und ich weiß nicht mehr, wie ich sie verwenden soll.

Zantner: Das wird schon wieder. Nach ein, zwei Wochen kommt man wieder in Schwung, zum Beispiel, wenn man neue Ideen hat. Meine Protagonisten transportieren die Madonna zuerst im Kofferraum. Dann liegt sie auf der Rückbank, und schließlich steht sie stundenweise aufrecht und angeschnallt auf dem Beifahrersitz und sie fragen sich scherzend, wann sie das Steuer übernehmen wird.

Abel: Ich komme mir seit Monaten vor wie ein Schreinerlehrling, der das erste Mal in eine Werkstatt betritt. Er sieht die Werkstoffe und das Werkzeug, aber er hat noch keine spezifische Bezeichnung dafür. Er sagt nicht: Vollholz, Dreischichtplatte, Pressspan, Sperrholz, Furnier. Und ich sage nicht: Hauptwörter, Verben, Adjektive, Präpositionen. Ich sehe nur die Sprache und komme mir anfängerhaft und linkisch vor.

Zantner: Ach Gott, das Leiden an der Sprache! Kokettieren Sie nicht ein bisschen damit?

Abel: Haben Sie schon einmal einen Schreinerlehrling erlebt, der eitel herausstellt, dass er ein Eichen- nicht von einem Buchenbrett unterscheiden kann?

Zantner: Ich hatte eigentlich geplant, dass die beiden Kunsthistoriker eine Giacometti-Statue klauen. Sie kennen bestimmt diese anorektisch-langen Figuren. Sie sind ganz unverwechselbar. Trotzdem hat der Roman damit nicht funktioniert. Ich wusste nicht warum, ich habe wochenlang überlegt, woran es liegen könnte.

Abel: Und als Sie draufgekommen sind, ist die Krise vorbeigewesen?

Zantner: Genau! Die Giacometti-Statue war zu abstrakt für meine Geschichte. Die Marienfigur hingegen ist über die Jahrhunderte kulturhistorisch aufgeladen worden und löst auch bei Leuten, die eigentlich nicht religiös sind oder keinen Bezug zur bildenden Kunst haben, Emotionen aus.

Abel: Schreinerlehrlinge brauchen zwei, drei Jahre, bis sie sich mit Material und Werkzeug vertraut gemacht haben. Wenn sie ihre Lehrabschlussprüfung gemacht haben, dürfen Sie sich Gesellen nennen. Meister sind sie noch lange nicht.

Zantner: Ende August gebe ich mein Romanmanuskript ab. Dann mache ich erst mal Urlaub. Ich schaue mir die Gegend, durch die meine Helden mit der Madonna gereist sind, noch mal in aller Ruhe an. Wollen Sie mitkommen? Wir könnten uns zwei schöne Wochen machen.

Abel: Danke für das Angebot. Ist ihre Madonna eigentlich aus Holz oder ist sie aus Stein?

Zantner: Aus Holz. Birnbaumholz, um genau zu sein. Geschlagen um 1530 in der Nähe von Perugia.

Abel: Birnbaumholz. Ein schönes Wort. Damit könnte man etwas anfangen.

Zantner: Na sehen Sie. Es wird schon besser. Bald werden Sie das Eichen- wieder vom Buchenbrett unterscheiden können. Kommen Sie mit nach Italien. Das wir Ihnen sicherlich guttun.

 

18. April 2019 08:35










Karin Fellner

Scharf leuchten Überreste von Werksgeländen, eine

Schwalbe im Sinkflug ruft: Nehmt das Kopfblueten an!

 

Mineralischer Mittag, schon sehen wir nicht mehr scharf,

sehn schon umami und bitter.

 

Werden Sprechapparate auch künftig in Wesen montiert sein? frag ich.

Und du: Wenn wir erfahrener wären im Bitteren, dann …

 

Erzähl doch bitte noch einmal, wie auch das Licht ermüdet,

wenn es vom Boden auf und gegen die Gravitation fliegt!

 

Die auf den Index gesetzte Sonne leuchtet uns

fort

 

(aus dem eben erschienenen Band „eins: zum andern“, parasitenpresse Köln 2019)

18. April 2019 08:17










Julia Trompeter

trauringe augen, motten unter achseln
oder andere bilder, die man im album, das weiß bleibt,
nicht sieht, denn: diese hochzeit bleibt geheim.
was? ein geheimnis, eingeheimst von der kosmetikindustrie
und dem feuchten traum eines jungen. mädchens. noch fast kinder.
man sollte nicht zu früh anfangen mit dem vergessen, doch was,
wenn es nichts zu erinnern gibt, nichts außer dem ersten kuss,
der ein versehen war unter alkohol, ein versprechen (oh, pardon!),
ein vers ohne icherung, eben wie das leben so spielt,
wenn man es von hinten aufrollt, teenie, der es
in den ersten jahren war, und wert es zu probieren

16. April 2019 17:07










Gerald Koll

Zipfel eines schwarzen Umhangs

 

Ich habe gerade Hugo und Josefine gelesen, ein altes Kinderbuch, von dem ich zwar seit Kindertagen nur den Titel (allerdings den falschen, nämlich Joseph und Josefine) und das Titelbild (allerdings das falsche: in der Erinnerung war das Buch größer und hatte einen schwarzen Hintergrund) im Kopf behalten hatte, beides aber sehr gut (allerdings eben falsch). Wie ich nun beim Lesen merkte, hatte ich vom Inhalt fast nichts behalten. Als meine ältere Schwester damals darin las, ging ich noch nicht zur Schule und war nicht besonders aufmerksam beim Zuhören (allerdings auch nicht beim Zuschauen). Nur einiges sehr Ungefähre blieb. Der Zipfel eines schwarzen Umhangs.

13. April 2019 10:00










Tobias Schoofs

SHA LA LA

sie reichte mir den hörer es
war thurston und er sagte und
kim sagte die andere kim sha

la la und es war thurston er
reichte mir den hörer und kim
sagte die andere kim little
trouble girl es war thurston

er sagte bad news und kim
sagte die andere kim stormy
weather und ich dachte an
mike es war aber thurston

er sagte kurt und kim sagte
die andere kim sha la la und
sie reichte mir den hörer

4. April 2019 20:42










Christian Lorenz Müller

AUS DEM POETISCHEN BESTIMMUNGSBUCH (FRÜHLING)

Der Ringlottenbaum:
Besen, der das Wolkenweiß
aus dem Himmel kehrt.

Der große Birnbaum
steht als Blizzard im Garten.
Schneeduftende Luft.

Die Zierkirsche stellt
sich aus. Sie lockt die Blicke
ins Billigrosa.

Die Magnolien-
blüten: Nester für das Licht.
Spatzen zwitschern hell.

Die Spalierbirne
tüncht die graue Mauer ganz
plötzlich duftend weiß.

3. April 2019 08:39










Andreas Louis Seyerlein

~

0.28 — Gestern, am späten Abend, habe ich wieder ein­mal den Ver­such unter­nom­men, das Wort Stre­ich­holz so lange wie möglich in meinem Kopf hin und her zu bewe­gen, ohne indessen ein weit­eres Wort zu denken. Kurz darauf habe ich meinen Ver­such wieder­holt, in dem ich das Wort Stre­ich­holz durch das Wort Nashornkäfer erset­zte, eben­solch­es eine Zehn­tel­stunde später durch das Wort Cole­porter, welch­es selb­st kurz vor Mit­ter­nacht im Wort­loop der Hibiskus­blüte endete. Vorgestern noch hat­te ich eine ähn­liche Nachtübung durchge­führt. Wörter waren fol­gende gewe­sen: Samshep­ard, Agnesvarda, Hum­mer­vo­gel, Tic­tac­to, Lep­orel­lo. Ich stelle fest: Die lang anhal­tende Wieder­hol­ung des Wortes Lep­orel­lo bewirkt in mein­er Seele noch immer ein­er­seits ein deut­lich­es Gefühl von Hitze, ander­seits eine Ahnung der Farbe Gelb­o­r­ange, ohne dass diese Farbe selb­st vor meinem inneren Auge sicht­bar wer­den würde. Warum? — stop

> particles

30. März 2019 20:05










Gerald Koll

Agnès Varda (1928-2019)

29. März 2019 15:13










Mirko Bonné

Wie et mir jeht

Und eben an der Kasse.
Da stelle ich mich hin, und
mir wird beinah leicht ums Herz.

Weil ich so allein dastehe
bis zu den Nasennebenhöhlen.
Allein an einer Art Nebel,
 
die der dicke Kunde vor mir
nicht zu verdicken weiß.
Er hat ja nicht mal gefurzt,
 
stand nur da und zahlte seinen Kram,
dreiunddreißig Schälchen Katzenfutter,
vier Pakete Zigaretten,
 
aber er stand da,
in seinen verstunkenen Hosen
und seinem verstunkenen Hemd,
 
und wollte nicht glauben, dass die Brötchen
nicht mehr 14 Cent kosten, sondern 15,
während der Gestank sich ausgoss wie ein Geist

und stehen blieb, als er nach Hause ging.
Das war kurz mein Platz, Platz vor der Kasse.
He, mein Alter, wie jeht et dir heute?

Nach Gerald Koll

28. März 2019 23:56










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