Mirko Bonné

Der Hirschberg

Es war der Hirschberg, nein ich weiß nicht mehr,
ob es der Hirschberg war, auf den ich so
hinaufgezwungen worden bin, da war
ich acht, neun, älter keinesfalls, der Stock,
den ich mir irgendwo am Weg hinauf
vom Boden aufhob, überragte mich
und ging, als ihn ein Mann mir wegriss, doch
dem Mann nur bis zur Brust.
                         Das weiß ich noch.
Sonst aber sind mir nur erinnerlich
ein seltsam tiefes Glücksgefühl und dumpf
der Trotz, aus dem sie aufgestiegen war,
die Wonne, nicht bloß Eigentum zu sein,
nein sondern einer, der es selbst bestimmt,
wohin er geht, wieso, mit wem, wem nicht
und wann.

          Es war ein grauer Nachmittag.
Vom Hirschberg – so es denn der Hirschberg war –
sah man ins Tegernseer Tal und sah,
dort unten, Wunder, lag der Tegernsee.
Der Hirschberg – „Hirsch?“ – war nur ein Schwarzes Loch
aus Koniferen, Fichten, Tannen, Kiefern, die
den Nebel zu erzeugen schienen, Dunst
und mich und Nieseln absorbierten. Was
ein Junge, so wie ich es war – ein „Hemd“,
ein „Mädchen“ – fühlte, dachte, glaubte, wo
die Unterschiede waren – schnuppe, schnurz.
Warum so viele Leute hier mit ihm,
mit seiner Mutter und mit ihrer so
den Berg hinaufmarschierten – schleierhaft.

Die Vögel stürzten durch den Tag, die Luft
war wie aus Wasser und ein Ende nicht
in Sicht. Da fing ich an, ich weiß nicht mehr –
da ist ein Loch in der Erinnerung –,
wie ich drauf kam, das Tempo anzuziehen.
Es muss der Trotz gewesen sein, der Zorn
darauf, hier mitgeschleift zu werden, doch
bestimmt lag aller Grund verwurzelt, bah!
in meiner frühen Kindheit, meinem Reich,
in dem ich mit den Dingen sprach, sie nicht
verstand, die Vögel dolmetschten und mir
kein Kauz mehr und kein Specht verständlich blieb.

Ich wurde schneller, schneller, schneller und
war bald schon außer Sicht, weg, hörte nicht
auf Rufe, Pfeifen, weder meiner Mutter noch
auf das Geflüster ihrer Mutter, das,
war ich mit ihr allein, nur sachte war,
Quatsch, es war warm und wirklich, liebevoll.
Ich lief aus Leibeskräften, das, nur das
ist die lebendigste Erinnerung
an diesen grauen Hirschbergnachmittag,
der, würde meine Mutter sagen, gar
nicht stattfand auf dem dummen Hirschberg, Gott,
was ist mein Sohn für ein Idiot.
                            Ich lief.
Ich hatte endlos lange Beine, und
ein Mann mit weißem Bart und Hut, auf dem
ein Vogel war, nein ein, zwei Federn nur,
ein Vogel aus zwei Federn, dieser Mann
riss mir den Stock weg, doch selbst das war gut.
Worüber Mutter sprach mit Mutter, mir
war das doch gleich. Ich wusste nicht, was Sinn,
Bedeutung, Zweck und Name waren, ob
der Hirschberg Hirschberg hieß, weil er mal Berg
voll Hirschen war. Ich wusste nicht mal, ob
die Sonne morgen aufging oder nicht,
ob es mich wirklich gab. Ich lief.
                             Ich lief.
An manchen Biegungen des Wegs ins Tal
sah ich den Hirsch, den Hirsch des Hirschbergs, nur
war der vielleicht bloß Lichtstreif, Nebel, Dampf,
an ein paar Stellen Spinnen im Gezweig,
ihr Spinnenantlitz warten und das Netz
voll Tropfenperlen hängend, während ich
der Mutter, ihrer Mutter und mir selbst
voraus ins Tal lief, mutterseelenfremd
voraus, des Stocks und aller Bindung an
den Regenschlamm des Wegs hinab beraubt.
Der Regen hämmerte sein Metrum ein
ins Holz der Bäume, die noch wuchsen und
die schon gestorben waren. Alles war
so durstig, hatte Durst wie ich, war froh,
dass es den Regen gab, der endlos schien,
er klopfte bloß und sagte ich – sie – ich –
bis er zu Ende war.

                 Ich wartete
am Parkplatz auf die beiden Frauen, und
ich wusste, was passieren würde, nur
passierte nichts davon. Sie schwiegen bloß.
Wir stiegen ein in unseren VW.
Wir fuhren heim. Bad Wiessee, Tegernsee,
dann Gmund und Finsterwald, fast bis nach Tölz.
Der Hirschberg blieb zurück und war vielleicht
in Wirklichkeit ein anderer, wie ich,
als ich in mir den Berg hinunterlief,
ein Jüngling oder Hirsch, ein junger Hirsch.

*

5. Dezember 2019 13:30










Christian Lorenz Müller

LETZTE KAROTTEN

Rote Eiszapfen
die du aus der Erde ziehst.
Sie schmelzen im Mund.

 

LETZTES MANGOLDBLATT

Rote Zunge. Schmeckt
die kalten Nächte: Vom Frost
verbrannte Spitze.

4. Dezember 2019 19:08










Hans Thill

Goldfische VI

(…)

Des mains en l’avril du décor,

APRIL behängt sich mit Wiesen
und Dorfgelächter (-mücken) und rührt
seine Hände frühmorgens bis spat

Au centre de la vasque ronde,

Inmitten eines Kreisverkehrs Frollein
Froide, rund wie aus einem Stück gedreht.
Der Feber wird also dein Wonnemond, der
Mai wäre dann bereits aus Barrikadenholz genagelt,
im Juni stehen wir mit dem Rücken zur Wand
oder bemalen sie mit kleinen Zeichen

Comme on fait pour les césars d’or,

Wie man Zäsaren fertigmacht.
Man packt sie mit Fäusten am Fresser und am Schisser.
Das Gold wäre vergessen und für einen Moment nur monnaie.
Dann stopft man sie in ein Erdloch und läßt ihnen langsam Haare wachsen

Invisibles, brassent de l’onde.

So ein unsichtbares Blond der Schwestern
Papillon, das man sich nicht an die Bluse
heften kann. Luftig das Gebräu aus Bruder
und Konsorten. Zwillingsgeschlecht,
schlankhäutig, zeigt sich später nachts
im Mottenmodus,
weiche Nase einer Welle

(…)

29. November 2019 16:06










Thorsten Krämer

Die Bibliothek der Fertighauswelt

Hier münden alle Ambitionen, wächst
zusammen, was nicht zusammengehört. Die Titel
fast schon ein Zuviel an Text, Echos
einer Parallelgesellschaft.
                               Leben und Lektüre
versöhnen sich im Simulacrum: die Utopie
der Schneekugel, eine Sehnsucht ohne Unterkellerung.

(für Che-Hi Choi)

26. November 2019 10:59










Christine Kappe

Silberfische I

Heute waren Handwerker im SKG
(Gestern auch
Aber da wusste ichs nicht
und plötzlich standen fremde Männer im Raum
Obwohl ich abgeschlossen hatte!)
Immerhin war ich heute vorbereitet
Aber nicht auf den Lärm
Doch als die Kinder am Ende gingen, meinte der eine: „Endlich Ruhe!“
Ich fragte mich, warum die ohne Atemschutzmaske in den Keller durften
Und sah in der Pause, dass das Warn-Schild von der Kellertür entfernt war
Das sind so Sachen, die einen echt gruseln
Ich sagte dann noch: „Aber im Keller ist doch Schimmel, und die viele Silberfische….“
Sie winkten ab
„Kein Problem. Wir machen die Löcher zu, da kommt nichts durch.“
Auf dem Lehrerinnenpult (!)
Finden wir Berge von vergammeltem Kuchen
Wahrscheinlich wollte sie den auf Klassenfahrt mitnehmen
Es wurde nicht geputzt
Die Klos stinken seit Montag bestialisch
Auf dem Schreibtisch lag ein Zettel:
„Der Boden bleibt dreckig, wenn die Stühle nicht hochgestellt sind.“
Ich versteh das nicht
Nur am Abend, tun mir die Knochen weh
Und die Silberfischchen in meinem Bad
Sind nicht solche mutierten Monstren
Vielleicht sind es bloß Goldfischchen, wer weiß

21. November 2019 22:47










Hans Thill

Goldfische V

(…)

Fait avec les pleurs du roc dur

DAS ist natürlich mit mir gemacht.
Steht der Fels als dickes Faktum, soll
er warten.

Qui de la mousse douce émerge,

Von allen Pflanzen muß das Moos die dichteste
Haut ergeben. Nicht so der Stein,
er ist Haut bis in den Kern

Ici regarde un Bassin, pur

Kein l hängt an den Vokalen als
seltsame Frucht. Sprachen
gibt es ganz aus Wasser, andere
sind nur Milch, wie es eben
in den Mund der Leute passt.
An anderer Stelle mehr
vor allem deutlicher

Ainsi qu’un œil de blonde vierge.

Dann hat die Rheinjungfrau doch
einen Blick riskiert, blond wie
ihr Haar war der Nebel, und in den Booten
alle machten Stieraugen

(…)

17. November 2019 15:59










Hendrik Rost

Strukturierte Leere

 

16. November 2019 10:53










Tobias Schoofs

CLARA

willkommen im fritz haber institut
hier studiert man den perfekten mord

einer habers größerer erfolge: tausend
junge männer tot auf einen streich und
viele andere erblindeten er fand ein gift

und nannte es zyklon (noch ohne b) und
später der nobelpreis und hier im garten:
ein gedenkstein der an seine frau erinnert

die sich selbst erschossen hat – warum?
ach! da steckt man halt nicht drin…

11. November 2019 11:56










Hans Thill

Goldfische IV

(…)

Lambeau d’époque, éteint flambeau

(SCHLAG nach bei Leiris):
fluider Mann. Wörter ohne Erinnerung,
zerfetzt der Besen der Epoche. Raus mit der
Reinheit, flitzen um die Fackel zu ersticken
(inner Fote)

D’une apothéose de pierre,

und steht auf der Petersdüne in Schuhen aus Stein. Kommst du vorbei,
hörst du ihn sagen: Geh mir aus den Augen, Meer

Un fût se pâme en son tombeau

und was sind das für Leute in diesem Faß?
Zwiebelgräber, in deren Rund man Muscheln rettet aus dem Dreck

De valse-admirante-de-lierre.

Beda Admirabilis, ein Pfalz-Tänzer, den alle
liebten als wäre er ein Efeu. Begeisterung
aus dem Eff-Eff, sich von ihr nicht
anstecken zu lassen. Auf Admiralsflügeln
durch den Sturm, als wäre man ein
kleines Löffelchen

(…)

8. November 2019 19:50










Christine Kappe

Lasst die Schüler erzählen

„… ahhh…
…mich nervts nur
Doch, glaub mir
Das ist im Ganztag passiert

Aber ich habe mich nicht geprügelt
Das waren andere
Und dann kamen 2 dazu
Und dann noch 2
Irgendwann prügeln sich 10 Kinder
Das haben wir oft dort
Das sieht keiner –
Hier muss man treffen (steht auf, fasst sich in die Mitte seines Körpers)
Dann ist man tot
Bei uns gibt es einen Prinzen
Der will alle Menschen töten, alle
Weißt du, der ist der Sohn vom König
Aber den will keiner
Bei uns machst du eine Tür auf … darf ich?
(er klappt eine Tafelhälfte auf)
Und dann machst du noch eine Tür auf
(klappt die zweite Hälfte auf)
Und überall wird geschossen.
Der Prinz…
… ich mal den mal eben…
Hat eine Pistole
Und unter seinem Hut noch eine Pistole
Er ist soooo groß.“
„Da fehlt noch was.“
Sein Mitschüler steht auf, geht zur Tafel
Nimmt sich auch eine Kreide
Und malt dem Prinzen einen Bart
Der immer länger wird
Immer länger, und dann nimmt er den Schwamm und wischt alles weg

Die Stunde ist seit 10 Minuten vorbei und wir sind alle drei völlig fertig
Wir gehen durch die dreckigen Flure, die nicht gut riechen und in denen Schuhe
Umherfliegen und vereinzelt Kinder sitzen
Differenziert arbeitend oder heulend
(irgendwo lag wieder Katzenstreu, weil sich jemand übergeben hatte)
Und wir denken über der Rettung der Welt nach. Und…
Es fühlt sich für einen Moment so an, als könnten wir es schaffen
Nur wir drei

2. November 2019 18:04










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