Mirko Bonné

In Brake war das Weite

In Brake war das Weite     zu fühlen. In Brake
hörten die Seemöwen     sich so zeitlos an.
In Brake küsste ich dich     und es war egal,
wo wir waren. In Brake     klingelte unten
am Strom dein Handy und     hast du mit der
Welt telefoniert. In Brake     war das völlig
okay. Ich liebte dich mehr     als alles andere
auf der Welt in Brake.     Und es gab vieles
in Brake, was infrage kam.     Es gab drüben
Harriersand und gab hier     Brake, was hieß,
es gab hier Brake und drüben     Harriersand –
Weite und Stille, für die     Brake stand. Und
die Weser. Und dazwischen     das dünne Land,
zu dem eine Fähre fuhr,     wovon der Kapitän
jedoch abriet. Es sei zu     still dort. Gehen Sie,
gehen Sie lieber weiter,     weiter durch Brake!
In Brake gab es fraglos     das Weite, die See
und Georg von der Vring,     der sich nicht
sicher gewesen war, wie     entscheiden, ob
ein Mensch sein oder     einer, dem gleich
ist, was es heißt,     Mensch zu sein. Schade,
und selber schuld,     aus Ihnen hätte einer
werden können, ein     Dichter, Herr von der
Vring aus Brake,     der später Dylan Thomas
übersetzte. Immerhin     gab es in Brake ja den
Optischen Telegraphen –     – Zeichen, telepor-
tiert über Strom und Land.     Ja, es gab Brake!
Es gab Brake in der Nähe     und im Weiten!
Es gab uns! Dich gab es,     mich, die Musik
des Weiten, ja sogar der     Weser. In Brake
lernte man als Kind Block-     flöte spielen. In
Brake waren alle Block-     flöten Seemöwen.

*

16. Dezember 2018 00:47










Christine Kappe

fast das Leben

Heute einen gemütlichen Vormittag mit meinem Sohn verlebt. Just als er zur Schule aufbrechen wollte, bekam er so starke Bauchkrämpfe, dass er sich mit Decke und Kotz-Schüssel aufs Sofa legen musste. Fieber hatte er auch.
Nachher stellte sich raus, dass es eine starke allergische Reaktion auf den Stabilisator in der Hafermilch war. Das ist so typisch für unsere Zeit: Nur weil ein paar Leute eine Kuhmilchunverträglichkeit haben, müssen lauter unsinnige Milchersatzprodukte kreiert werden, die einem dann fast das Leben kosten.

13. Dezember 2018 14:10










Julia Trompeter

GEZeiten

Ebbe Ebbe in der Kasse Kasse

Mutter, an der Tür ist ein Glatzenhummel.
Ein was?
Ein wer?
Ein Glatzenhummel. Räuberisch mit Degeto am Revers.

(~) Aber der Tatort. Aber der Fußball. (~)

Sag dem Hummel: Wir kaufen Nix.
Ist ihm recht. SAGT ER. Solang wir zahlen.

Noch mehr Ebbe Ebbe in der Kasse Kasse

13. Dezember 2018 08:36










Konstantin Ames

style jaune

(entstanden im April 2015)

8. Dezember 2018 11:37










Christian Lorenz Müller

DER ERSTE REISENDE DOWAYO* AN SEINEN STAMM:

Ihr Dowayos!

Die Weißen sind seltsam. Ich habe euch ja schon oft von ihren riesenhaften Steinhäusern erzählt, die voller großer Kisten und rätselhafter Gerätschaften sind. Ein einziger Raum in diesen Häusern ist so groß wie eine ganze Hütte in Dowayoland, und dieser Raum wird immer nur von einem einzigen Menschen bewohnt und niemals von Mann und Frau, Kindern, Kindeskindern, Cousins, Cousinen, Onkeln und Tanten wie bei  uns.

Nun aber, da es kalt zu werden beginnt, geschieht etwas Merkwürdiges: Die Weißen bauen sich Hütten aus Holz, Hütten, neben denen sich selbst die Lehmbehausungen von uns Dowayos stattlich ausnehmen. Die Hütten werden mitten zwischen die allergrößten Steinhäuser gestellt und sofort bezogen. Ganz anders als die Steinhäuser, an denen ich kaum einmal einen Schutzzauber gesehen habe, werden diese Hütten mit Unmengen von seltsamen Fetischen und Amuletten behängt: Mit hölzernen Figürchen in kuttigen Kleidern, die allesamt Flügel haben; mit stacheligen Kränzen, auf denen Kerzen brennen; mit Sternen aus Stroh und bunten Kugeln, in denen man sein Gesicht erkennen kann. Diese Schutzzauber müssen sehr stark sein, denn die Weißen kommen in Massen, um sie zu kaufen.

Das Erstaunlichste aber, ihr Dowayos, ist, dass ausnahmslos alle Weißen, die es zwischen die Hütten zieht, einen magischen Trank zu sich nehmen. Er wird in großen Kesseln angerührt und erhitzt und schmeckt genauso ekelhaft wie das Gebräu, das uns unsere Dowayozauberer verabreichen. Die Weißen schlürfen ihn mit großer Gier, damit sie ihren Göttern näher kommen. Denn nicht wenige beginnen nach zwei oder drei Tassen klagende Weisen zu singen, Weisen, die sich ganz anders anhören als alles, was ich bisher an Musik im Land der Weißen gehört habe.

Ihr Dowayos, die Weißen sind wunderlich! Ein ganzes Jahr lang tun sie so, als gäbe es keine Magie und keinen Zauber, als wären ihnen ihre Götter völlig egal. Und dann plötzlich spüren sie ihre Seelen, bauen Hütten aus Holz und brauen magische Tränke.

Vielleicht sind sie uns doch viel ähnlicher, als ich es bisher geglaubt habe.

* Der Stamm der Dowayos lebt im Süden Kameruns in unzugänglichem Bergland. Kontakte zur „weißen Zivilisation“ sind selten. Erstmals näher beschrieben wurden die Dowayos von dem britischen Ethnologen Nigel Barley, der mehrere Jahre unter ihnen lebte. (Nigel Barley: „Traumatische Tropen. Notizen aus meiner Lehmhütte“. Erhältlich als dtv-Taschenbuch.)

5. Dezember 2018 11:00










Mirko Bonné

Plattmachen, ich meine / Nordenham

Plattmachen, ich meine
Nordenham, das Grau,
endlose Verlassenheit.
Das Betonschanzkleid
der Stadt entlanggeirrt,
an der alten Weser, der
seegrauen, atlantischen,
wo kein Licht, nichts flirrt.
In der Ferne, am anderen
Ufer diesen regnerischen
Nachmittag, Bremerhaven,
die abstrusen Containerter-
minals, Behälterabferti-
gungspiers, siebzig
Flugzeugträger
lang, Deich
aus Schafen.
Die Weser. Der
verbaute Himmel.
Der dich überwölbt.
Fabrik für neue Laser-
technologien. Plattes
Land, das Oldenburger
Land. Wo ist die See? Du
musst die See nicht sehen,
weil nichts ist flach ohne Meer,
das Land gibt auf, geht über. Möwe
kommt näher, Möwe zieht Bahn, Möwe
dreht ab und saust knapp hin überm höchsten
Nordenhamer Punkt, eine vier Jahrhunderte alte
Platane, die alle vergessen haben umzumähen. Das
wird schon noch, das wird, man abwarten. Plattmachen, warten.

Plattmachen heißt nicht, es ist. Plattmachen heißt, es ist vorbei, es war.

*

3. Dezember 2018 17:55










Gerald Koll

Du kannst nicht tot sein

“Du bist tot!” sagte ich. Das war falsch. Man kann nicht sagen, jemand sei tot. Denn der Tod befindet sich nicht innerhalb des Grenzbezirks des Seins. Tod ist keine Form des Seins. Er ist kein Seins-Zustand. Tod ist das Nicht-Sein. Dort endet Identität, so weit wir wissen. Nur ein Gimpel, der die Identität über die Grenze des Seins hinaus verlängert ins Nicht-Sein, könnte an der Behauptung “Du bist tot” festhalten. Aber gerade ich, der “Du bist tot” sagte, hatte wenig Interesse am kontinuierlichen Bestand des Identitätszustandes, allein in Hinblick auf Wiedergängertum, Rache und sonstige Heimsuchungen. Richtiger wäre es gewesen, zu sagen: “Das ist tot.” Hier geht’s nicht um Moral.

27. November 2018 14:06










Gerald Koll

Novembergrau

20. November 2018 23:39










Mirko Bonné

Zum Tag des inhaftierten Schriftstellers 2018


Oleg Sentsov

Der ukrainische Schriftsteller und Filmemacher Oleg Sentsov wurde wegen angeblichem Terrorismus in einem unfairen Prozess von einem russischen Militärgericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Sentsov sagte dabei aus, dass ihm Folter angedroht worden sei. Derzeit befindet er sich in einer sibirischen Strafkolonie für Schwerkriminelle in Labytnangi, tausende Kilometer entfernt von seiner Heimat auf der Krim. Zuletzt verbrachte er 145 Tage im Hungerstreik und forderte die Freilassung aller in Russland inhaftierten ukrainischen Häftlinge aus politisch motivierten Gründen. Er beendete seinen Streik am 6. Oktober 2018, da er befürchtete, zwangsernährt zu werden. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Sentsov den mit 50.000 Euro dotierten Sacharow-Menschenrechtspreis erhält. Die Preisverleihung ist am 12. Dezember in Straßburg geplant, doch dass Russland den Autor dazu ausreisen lässt, ist unwahrscheinlich.
Sentsov wurde im Mai 2014 von den russischen Sicherheitsdiensten auf der Krim festgenommen. Seinen Aussagen zufolge wurde er drei Stunden lang körperlich misshandelt, geschlagen und sexuell missbraucht. Er wurde nach Russland gebracht, wo er über ein Jahr in Untersuchungshaft verbringen musste. Im August 2015 wurde er nach einem äußerst unfairen Verfahren vor einem russischen Militärgericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Ihm wurde ein Antrag auf Auslieferung in die Ukraine mit der Begründung verweigert, dass er nach der Besetzung und Annexion der Krim durch Russland zu einem russischen Staatsbürger geworden sei.
Der internationale PEN geht davon aus, dass Oleg Sentsov für seinen Widerstand gegen die russische Annexion der Krim inhaftiert wurde, und fordert die russischen Behörden auf, den Autor und Filmemacher unverzüglich freizulassen, seine Menschenrechte, einschließlich des Verbots von Folter und anderen Misshandlungen, und sein Recht auf ärztliche Behandlung zu respektieren.

15. November 2018 11:52










Christian Lorenz Müller

INDIANISCHER KLAGEGESANG AUF EIN GEKLAUTES FAHRRAD

Wirf den dreisten Räuber ab,
wirf ihn ab und komm zu mir zurück.
Dann striegle ich mit dem Poliertuch
Glanz in deinen blauen Lack,
dann fliegt die wilde Mähne Freiheit
mir wieder ins Gesicht.

Die Sonne schnaubte
auf deinen Alunüstern
wenn ich mit dir durch Stadtprärien stob,
mit galoppierenden Pedalen
Herden von Terminen jagte.

Komm zurück,
bring mir die beiden Köcher,
die voller Speichen sind,
und meine Beine spannen sich erneut
zu Bogensehnen:
Dann macht Erwartung
deine Reflektorenaugen rot,
dann höre ich
das aufgeregte Kriegsgeschrei
der Klingel, dann kämpfen wir gemeinsam
gegen Blechkomantschen
und bringen reiche Kilometerbeute ein.

Nein, du kommst nicht zurück.
Ewige Jagdgründe
nehmen dich nun auf,
Jagdgründe der Erinnerung.

12. November 2018 12:05










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