Mathias Jeschke

Ich lese in mir

Ein großformatiges Buch liegt
aufgeschlagen vor mir,
ich blicke auf das in einer halbwegs
senk- und waagerechten Struktur
sortierte Getümmel,
Collagen aus eingeklebten Texten,
Buchausschnitten, Zeitungsartikeln,
teilweise mit Fotos versehen,
Zeichnungen, die ich einst angefertigt hatte,
manche stammen auch von anderen,
von Pinseln hatte ich ja kürzlich geträumt,
gepresste Blüten und Blätter oder Federn,
von mir oder dir gesammelt,
Zeilen in meiner Handschrift,
immer wieder Zeilen in meiner Handschrift,
manche verwischt oder sonst unleserlich,
über einige krabbelt ein Käfer hinweg,
so ein Zierlicher Buntgrabläufer, glaub ich.
Ein wenig Sand rieselt auf die Tischplatte.
Das Holz ist warm, meine Hand liegt darauf.
Wer kommt, um sie zärtlich anzusehn?
Es handelt sich um eine intime Situation,
japanisch irgendwie,
wie in einem Nistkasten vielleicht.
Jedenfalls ist niemand sonst hier bei mir.
Und niemand sonst wird dieses Buch
je zu Gesicht bekommen.
Aber es leuchtet mir ein, wenn ich
die nächste Seite aufblättere,
wann immer das sein wird
und es mag einige Zeit dauern –
wer will, soll sich gedulden,
denn ich bin hier noch lange nicht fertig! -,
dann wird sich mit einem Mal –
und dabei wird die Farbe Schwarz
einen eindrucksvollen Auftritt haben:
Szenario aus Seide und Katano –
alles verändern.

21. März 2019 23:24










Tobias Schoofs

ERINNERUNG

erinner mich wenn ich dich les
an die feluke aus istanbul
die vor der mündung auf dem wasser
tanzt um die mitte des monats

mai wenn die sonne schon warm ist
und im süden schon nicht mehr
erträglich und das schlimmste
noch immer bevorsteht

erinner mich an die feluke
die auf dem wasser tanzt dass mir
die stimme nicht bricht wenn ich
dich les

(nach Motiven von Zeca Afonso)

21. März 2019 20:45










Christian Lorenz Müller

BEIM RENOVIEREN EINER GARTENPUMPE

Zieht mehrere tausend Mal
pro Jahr die Schulter nach oben
und lässt sie wieder sinken.
Schon die Kinder greifen gerne
nach ihrem Arm,
nach der gusseisernen Beständigkeit,
mit der sie ihn winters wie sommers
von sich streckt.

Sie braucht nicht mehr
als alle zehn Jahre ein wenig Lack
und eine neue Lederdichtung.

Eine immerzu ächzende und quietschende
Form von bescheidener Vollkommenheit,
die stets zuverlässig ihr Wasser
in die Kübel, die Kannen gießt.

21. März 2019 12:10










Mirko Bonné

Gärten in Bad Z.

Jeder Garten ist ein Grab. Emerson

Trockengarten … Jahreszeitengarten … Formgehölze-
garten … Weißer Garten … Farngarten … Mediterraner
Garten … Spiegelgarten … Leben und Arbeiten im
Garten … Sterben im Garten … Japangarten …
Chinagarten … Rosengarten … Waldgarten … Koi-
Zen-Garten … Islamischer Garten … Islamistischer
Garten … Poolgarten … Zukunftsgarten … Vergan-
genheitsgarten … Gegenwartsgarten … Cottage-
Garten … Wildobstnaschgarten … Supermarkt-
garten … Gebrauchtwarengarten … Baumarkt-
garten … Heilender Garten … Mörderischer
Garten … Immergrüner Garten … Immer-
kahler Garten … Immerdunkler Garten …
Traumzeitgarten … Albtraumgarten … Schre-
bergarten … Schreibergarten … Schreigarten …
Wassergarten … Tränengarten … Skulpturengarten
… Ölgemäldegarten … Ölgarten … Heckengarten …
Heckenschützengarten … Kunstgarten … Duftgarten …
Schulgarten … Kindergarten … Phloxgarten … Kakteen-
garten … Blumenzwiebelgarten … Heidegarten … Bäuer-
licher Nutzgarten … Mechanikergarten … Politikergarten …
Partygarten … Zwerggarten … Fischgarten … Meeres-
grundgarten … Wellnessgarten … Krankenhaus-
garten … Fluchtgarten … Leerer Garten

*

18. März 2019 18:53










Konstantin Ames

Selbst I/18

Zugleich eine Ansichtskarte für deine Akademieklasse, ehrenwerter und sehr nobler Lürke, mit der Girlanden-Frage, was dich anderer Leute Kappes kratzt …
Wohl eine Herausangeberkrankheit? Du hast noch immer diese olle Tröte?! Die hättest du doch beim letzten Potlatch tauschen sollen gegen einen Stuhl, wenigstens einen. Werd endlich den ranzigen Sessel los! Dass ich mir um deinen Poppes noch immer Sorgen machen muss, mein Mörikeopferdchen …

Bussi, baba, ob-la-di-o-bla-da!

Deine Kotzntante Un Dob

Selbstanzeige: Die Thomaskunst wird hier Mehrfachverwertung von Poesie wittern …
Ruhig meinem Verlegenden melden.

14. März 2019 10:06










Gerald Koll

Always keep your bowler on in times of stress

 

 

Irgendwie bedrückend, dass es zuende ist. Gestern beendete ich die zweite Blu-Ray-Edition von „The Avengers“ (eigentlich fand ich den deutschen Verleihtitel „Mit Schirm, Charme und Melone“ immer … charmant, aber das Original überzeugt denn doch, vor allem wegen der Originalstimmen, die eminent diskreter und intelligenter wirken als die vorlauten deutschen Synchronstimmen, die außerdem so hallig waren). Gestern also verabschiedete ich mich, wie man so sagt, „schweren Herzens“ von der allabendlichen Dosis. Zwei Boxen lang ging ich täglich glücklich zu Bett, geleitet von der schwarzweißen Politur der ersten Edition, die in den schönsten Episoden ein feiner Duft aus hundertjährigem Moos und frischer Ledercreme umwehte, bis zum tollkühnen Kolorit der zweiten, die allen britischen Spleens ein Denkmal setzte. Was jetzt?

Fortan würde ich einfach wieder irgendwie in den Schlaf stolpern, ungeküsst von jener stilsicheren Verspieltheit, die sich vom Bösen nie den Humor verderben ließ und jeden schändlichen Anschlag mit dem Klang von Sektgläsern beantwortete.

Gewiss, es war unfein vom Hersteller „Studio Canal“, der teuren deutschen Edition keine deutschen Untertitel zuzubilligen und die eingesparten Kosten auf überflüssige „Einführungen“ von Oliver Kalkofe & Co. zu verschwenden.

Und es war schon beinah frech, ausgerechnet die Farewell-Episode für Emma Peel („The Forget-Me-Knot“) nicht in die Edition 2 aufzunehmen (mit der nur für Buchhalter-Gemüter verständlichen Begründung, diese Episode gehöre bereits zur nächsten Staffel, also Edition 3 mit John Steed & Tara King, Peels nicht-ebenbürtiger Nachfolgerin; sie, die Edition, ist derzeit für 25,- EUR zu haben). Denn nie war es zwischen Steed und Peel so zartfühlend und gänzlich jeder Ironie entkleidet zugegangen wie am Ende von „The Forget-Me-Knot“, genauer: in jenem Moment, als die scheidende Mrs. Emma Peel mit versagender Stimme Steed zuflüsterte: „Always keep your bowler on in times of stress“ – und sich dieses ewig flirtende, nie der trivialen Versuchung erlegene Liebespaar einen letzten hauchflüchtigen Kuss auf die Mundwinkel tupfte.

„Studio Canal“ beweist an dieser Stelle Mitgefühl, für das man danken muss. Das romantischste Lebewohl der (mindestens Fernsehserien-)Geschichte befindet sich in der Edition 2 in einem der Extras.

13. März 2019 11:43










Gerald Koll

Aikido in der westlichen Kultur (7)

 

 

 

 

Der Verkündigungsengel aus dem Polyptychon Averoldi (1522, Santi Nazaro e Celso, Brescia) von Tiziano Vecellio belegt einmal mehr den eminenten und frühen Einfluss der westlichen Kultur auf das japanische Aikido (siehe dazu die hier erschienene gleichnamige Reihe aus dem Jahr 2013). Die Ausführung des tenchi-nage (Himmel-Erde-Wurf) ist hinsichtlich der Körperhaltung, der Gewichtsverlagerung, des Blicks und der schweigsamen und doch unübersehbaren Botschaft an den Partner vorbildlich.

 

8. März 2019 13:58










Mirko Bonné

Drei Herzporträts

Herz, ausgeschlagen
mit Tapeten aus Tränen
   für Woche für Woche
ferner, fernere Kinder.

Herz, wild pulsierender
Fisch, Dornenbarsch, da
   in dem purpurnen Krug
der Brust, des Luftkorbs.

Herz, das dich sieht, ja,
Auge ist es auch, Auge,
   gläsern Funkelkörper,
inmitten von allem da.

*

2. März 2019 00:01










Barbara Felicitas Tax

chamäleon

es setzt den fuß, greift mit dem fuß den ast.
die augenlider bewegen sich von oben, von unten,
und öffnen sich wieder.
jedes auge blickt in eine andere richtung.
ein ruck in der blickrichtung.
der betrachter wird angeschaut, mit augen,
rund und groß, unter einem himmel aus glas.

28. Februar 2019 12:47










Norbert Lange

Als ich Barbara Tax vor längerer Zeit bat, mir für eine Anthologie einen Essay über ihre Arbeitsweise als Dichterin zu schreiben, war ich sehr darauf gespannt, worüber sie in ihrem Text sprechen würde. Bislang hatte ich nur Gedichte von ihr gekannt, die in Zeitschriften wie Edit oder Ostragehege erschienen waren, später gab es dann welche in der Anthologie Freie Radikale von Christian Lux. Was mich neugierig gemacht hatte, war, dass sich ihre Gedichte mir in ihrer epigrammatischen Kürze entzogen. Sie erschienen mir auf die beste Weise verschlossen: greifbar, aber sobald man sie zu fassen glaubte, veränderten und entfernten sie sich, so dass ich einen neuen Versuch starten musste, sie zu verstehen.

Bekommen habe ich einen sehr schönen Essay, der von Apollinaire bis Zukofsky darüber nachdenkt, wie Gedichte unsere Aufmerksamkeit fesseln. Und jetzt, beim Wiederlesen, bin ich wieder froh, sie gefragt zu haben. Denn der Text ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie über Gedichte und das eigene Schreiben nachgedacht und geschrieben werden kann. Nämlich, indem man vordergründig nichts über das eigene Schreiben sagt, um stattdessen von der Lektüre zu sprechen, die einen beim Nachdenken über das Schreiben begleitet.

Und so folge ich Barbara Tax‘ Lektüre bis zu Horaz‘ Brief von der Dichtkunst, dem sie den Titel ihres Essays entlehnt hat (Ut pictura poesis erit) und glaube für einen Moment, ihr Gedicht Chamäleon zu verstehen. Ich stelle mir ein Lebewesen vor, so sehr Auge, dass alles andere nurmehr wie Vegetation erscheint. Und während ich noch davon lese, wie das Tier sich bewegt, werde ich in die Situation versetzt, mich perplex im Terrarium wiederzufinden, ein Auge auf einen Glashimmel gerichtet, das andere auf den Text.

Eben blickte ich in seine Pupille. Jetzt versuche ich, etwas schwerfällig im noch ungewohnten Körper, mich in meiner neu gewonnenen Differenz zurechtzufinden, greife mit stockender Bewegung langsam, langsam nach, nach einem, einem Ast.

Herzlich Willkommen, Barbara!

28. Februar 2019 12:43










 1 2 3 4 5 ... 195 196