Björn Kiehne

Mondscheinallee

Am Ende der Straße
liegt das Café,
der Abend ruht sich
auf der Markise aus,
ein müder Wind
weht Blätter hinein,
Briefe aus der Vergangenheit.
“Wo wir sind, ist immer Sommer”,
flüsterst du und lächelst;
“Wo wir sind…”, beginne ich
und schweige,
als der Vorhang der Nacht
sich senkt und,
aus dem Faltenwurf
seiner Stille,
der Mond aufsteigt,
mildes Licht über
die Erinnerungen gießt,
über uns, über das Café,
über all die Jahre in
der Mondscheinallee.

Für Connie

23. September 2018 12:58










Hans Thill

Der Simplon sagt

die Vögel frieren nicht
sie haben Beine, dünn
wie Streichhölzer

Die Streichhölzer frieren nicht
sie setzen ein Ölfaß
in Brand

Das Ölfaß friert nicht
es ist der verstorbene Faun
aus verstorbenen Meeren

20. September 2018 12:57










Christine Kappe

«Ich wollt, ich wäre gründlicher gestorben»
Erst recht, wenn es regnet und aus dem Nachbarhaus die nichtendenwollenden Klänge einer Party
wie wir sie früher gefeiert haben. Schlaflos
Aber ohne dass es uns störte. Endlos geraucht, endlos getrunken und nie das gesagt, was wir eigentlich sagen wollten
Nur um etwas, aufrecht zu halten, was damals vor und jetzt hinter uns, lag. Das war
Wie mit den Figuren auf den Häuserdächern: Zwischen ihnen und mir tobte der Schneesturm, aber auf dem Foto sah man ihn nicht mehr
Oder die Frau mit dem verwehten Haar: Sie dominierte das Straßenbild und nun verschmolz sie mit dem grauen Häusermeer, wie
Russ. Konzeptionalismus, weiß auf weißem Papier
Kajetsja, ani tschastlivy
Freie Übersetzung: Mir schien, sie waren glücklich

18. September 2018 21:42










Andreas H. Drescher

JESUS AVATARUS, BUDDHAN HINGEKLATSCHT

I.
Ich wollte wirklich, ich wäre gründlicher gestorben. Nicht so gemischt, nicht kerzengrade wie ein Embryo, gemütvoller vor allem, seliger beschaffen. Hinterdrein sogar noch hätte sich das ausgewirkt. Richtig fortgegangen, würden mir die Dämonen hierzuoberst nicht mehr so papieren rascheln und mir Angst einflößen, wie es sich gehört. Doch wer stirbt schon beim Auspacken des Butterbrots! Kein Stockwerk, keine Treppe, nicht mal ein wenig Bohnerwachs: einfach nach vorn gekippt auf die dick bestrichne Seite und dann ausvorbei und Amen.

II.
Wieder versammeln sich meine papierenen Dämonen. Unbestimmt und leise grinsend wie mein mobbigster Kollege, der sich sicher war, ich schlafe einfach ein über dem Butterbrot und murmle: „Seht euch nur an, wie er den Heringskopf auf seine Stulle buttert!“ So kollegial sind jetzt meine alpinsten Alpe. Nicht einmal zu Beelzebub habe ich´s gebracht. Bescheiden, dieser Tod, wirklich! Sehr bescheiden! Keine Klasse, ohne Wissen… Dem Allerhaarigsten nicht mal in vitro widersprochen. Bloß beleidigt, aber nicht mal fachgemäß gequält.

III.
Blamabel ist das, derart schmählich unpurgiert, dass kaum mein kleiner Finger davon weiß. Knister, knister! Ohne jedes Aufsehn weggestorben. In diesen ewig blauen Montag hinein. Ich weiß noch immer nicht, wie´s dazu kommen konnte. Das insultierende Papier um mich herum nennt mich inzwischen einen „Simulanten“ dieses Wochentags. Als könne ich etwas dafür, dass ich nicht an einem Freitag gestorben sei, am besten nach der Feierabendglocke oder in der Straßenbahn. Dabei dachte ich schon, ich hätte mit der Mittagspause mein Bestes getan.

IV.
Einmal wirklich geplagt sein und nicht bloß belästigt! Einmal die Ruten, Spieße und das Eis des neunten Kreises nicht bloß aus Papier! Immer wieder versuche ich es. Aber sie sind allzu druckfrisch, diese Kraftakte. Keine Stricke, bloß Marienfäden: Spinnweb. Ungewisse Schmerzen. Das will sagen: gar keine. Himmel, was für eine lahme Unterwelt! Zu sauber, viel zu sauber, wie eine frische Wegwerfwindel. Nein! Derart halbe Sachen sind meine Sache nicht. Immer bloß diese flachen Nervenspiele. Das Inferno beschränkt sich auf die Werkskantine.

V.
Wie also? Sind mein Dämonisches und ich am Ende Freunde? Oder wo rascheln sie so ungeduldig hin? Ein Schein, ein Mein, ein Dein am Bein. Das lacht nicht mal mehr über mich, bei aller Ungeduld. Da sind die Buchstaben – und mehr als vier – die sie mir alle machen. Selbst sie wollen es besser, wollen die ganze Pein statt bloß der Peinlichkeit. Ergo sehe ich mich nach einem Windmacher im Eis mit vier Gesichtern um. Nur er würde mir helfen, vor lauter Schreck den Tod im Tod zu sterben. Aber da ist nur dieser Knick in meinem Butterbrotpapier.

(Für Thorsten)

13. September 2018 09:53










Thorsten Krämer

Eine Buddhafahrt ans Meer

sollte das werden, aber wir haben die Klangschalen
als Aschenbecher benutzt und schlechtes Karma
auf uns gezogen. Was gar nicht so schlimm ist, denn
das schlechte Karma raucht dieselbe Marke wie

wir, und nun stehen wir paffend am Strand. Schau,
der Himmel hat eine leuchtende Wunde, die kann
man sogar vom Mond aus sehen. Ich schenke dir
meine filterlose Aufmerksamkeit, du importierst sie

beiläufig. Sei still jetzt, Zeit, flüstere ich mit meiner
Muschelstimme, auf meine normale Stimme reagiert
die Zeit nicht. Das sind so Erfahrungswerte, die weißt
du auch. Was du noch nicht weißt: Der Regen ist eine

False-Flag-Operation. Wir schließen die Augen und
schlafen wie Erleuchtete.

12. September 2018 18:20










Christian Lorenz Müller

BUKOWSKI LESEN IN SALZBURG

Andere Situation, denkst du dir,
als du nach einem Band Bukowski
mit einer Tasse Tee
am offenen Fenster stehst
und den Hausmeister dabei beobachtest
wie er die Bio-Tonnen
für die Abholung bereitstellt,
Plastikhumpen mit etwas Obergärigem darin.
Daneben der Rasen,
diese Wilkinson-glatte grüne Visage
mit zwei akkurat gestutzten
Büschen oder Koteletten links und rechts.
Aber da watscht deine neue Nachbarin
die Wohnungstüre gegen den Rahmen
und zerrt ihr Balg
durch das Stiegenhaus nach unten,
hinaus auf den Rasen.
Sie hat ihre Shorts bis zum Platzen
mit ihren Arschbacken ausgestopft
und ihre Flip-Flops schnalzen wie zwei Zungen
als sie ihrem Sprössling
zeternd hinterherläuft.
Er hat sich eines von seinen sieben
herumliegenden Fahrzeugen geschnappt,
vom Bobby-Car bis zum Fahrrad
ist alles dabei.
Sein Papa steuert einen BMW
mit einem Auspuff, der ärger röhrt
als ein kaputtes Alphorn.

Andere Situation, denkst du dir
mit Blick auf deine Tasse.
Bukowski hätte etwas Hartes getrunken
oder zumindest ein Bier.

28. August 2018 11:30










Christine Kappe

Vielleicht leben wir auch gar nicht
Sondern träumen nur
Von einem Haus da draußen
Weil irgendwer mal gesagt hat, das sei gut
Kenne ich ihn?
Ich befühle mein Haar
Wie sehe ich aus?
Nicht im Sinne von Eitelkeit, sondern:
Wer bin ich?
Wer weiß, ob wir uns wirklich mögen
Und nicht alles nur Gewohnheit ist

28. August 2018 08:36










Mirko Bonné

Brixen zum Beispiel

You can’t repeat the past.
F. Scott Fitzgerald

Am Morgen, wenn das Fensterlid aufgeht,
stürzen zwei Elstern durch die Weinbergzeilen,
wie verfolgt von dem Sturmwind des Bösen oder
einem Trauma. Was hat das Flüchten überall
mit deinem Leben zu tun?
             Brot der Erinnerung,
heillos zerbröselt, oft einfach nur vom Tisch gewischt,
und unaufwärmbar das Mutterherz, das alles besser
weiß – Kinderspiel, weil ja für dich nichts sicher
ist.
     Vielleicht darum möchtest du immer –
Flüchten auch das – zurückreisen nach zerdehnten
Jahrzehnten an Orte, wo du als Junge, ein Bub, z. B.
schwimmen warst im Garten eines Sommerhotels
hoch über dem Eisacktal.
                 Eidechsen sind verlässlicher
Zeugen als die Erinnerungen und verschwinden auch
behänder. Grün summt am Abend das Gras immer
noch die Lieder, die verloren gingen, ohne dass ihr
Brüder sie gesungen hättet. Süße Verlorenheit
Vanillegeruch in der Bäckergasse.
                       Was vergangen ist,
das lässt sich nicht wiederholen, schreibt Fitzgerald, und
Gatsbys Empörung darüber mag Wahn sein, Selbstsucht,
genauso ist sie Ausdruck einer unwandelbaren Liebe.

*

20. August 2018 23:33










Christian Lorenz Müller

ES ROLLEN DIE HEISSEN TAGE (Gesänge an den Salat 1)

Die Pumpe: Dunkelgrün lackierte Achse
um die sich alles dreht.
Unermüdlich geht der Schwengel
auf und ab und auf und ab,
rollen die heißen Sommertage
über die Beete.
Aus allen verfügbaren Gießkannen
blitzen Speichen silbern zur Erde.
Hell klingelt das Wasser
auf der Haut, wenn du dir
einen Guss auf die Waden gönnst.
Der Himmel eine Packtasche,
zum Platzen angefüllt mit Blau,
und unablässig, unablässig
geht der Schwengel,
treibt dich die Sorge
um die Rücklicht-roten Tomaten,
um die Zucchini, die den Umfang
eines trainierten Oberschenkels hat.

Spätabends endlich steht das Rad.
Du liegst erschöpft im Gras,
schaust hinauf in den Himmel
wo der Mond
sein Standlicht eingeschaltet hat.

16. August 2018 10:46










Tobias Schoofs

PESSOA

vorgeblich beim mittagessen haupt
sächlich beobachtend die zeit wie
sie vergeht nein nicht die zeit was
in der zeit vergeht nämlich ein herr

am nebentisch vorgeblich beim mit
tagessen hauptsächlich beobachtend
nein nicht die zeit wie sie vergeht
vielmehr was in der zeit vergeht ein

herr am nebentisch vorgeblich beim
mittagessen hauptsächlich nein nicht
die zeit beobachtend vielmehr was

in der zeit vergeht er selbst der herr
beobachtend wie er vergeht wie er
beobachtet nein nicht die zeit

12. August 2018 19:29










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